Rede zum Volkstrauertag von Jonas Fixemer
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Gerstner, sehr geehrter Herr
Pfarrer Arno Knebel, meine sehr geehrten Damen und Herren,
als
ich acht Jahre alt war, fragte ich meinen Großvater nach seinem Vater.
Er erzählte mir, dass sein Vater bereits früh gestorben sei. „Woran?“,
fragte ich ihn: „War Großvater krank?“ - „Nein, Jonas. Dein Großvater
starb an der Ostfront, es war Krieg.“
Krieg, das war ein Begriff
unter dem ich mir nicht viel vorstellen konnte. Was bedeutet Krieg? Was
geschieht im Krieg? Das waren die Fragen, die ich mir stellte. Es
dauerte seine Zeit, bis ich Antworten auf diese Fragen fand. Krieg
bedeutet Schmerz, Krieg bedeutet Leid, Krieg bedeutet Trauer; und jeder
Krieg bringt Schicksale wie die meines Urgroßvaters hervor. Das
Schicksal im Krieg zu sterben, war ein Schicksal, das er mit vielen
Millionen Menschen seiner Zeit teilte und das er mit sehr vielen
Menschen dieser Welt immer noch teilt, die unter Gewaltherrschaft
leiden oder im Krieg sterben.
Der 1. Weltkrieg forderte nahezu zehn
Millionen Menschenleben, der 2. Weltkrieg sogar mehr als 55 Millionen.
Diese Zahlen sind unvorstellbar und das Leid dieser Menschen kann nicht
in Worte gefasst werden. Doch diese Menschen stehen nicht alleine, sie
sind keine Einzelschicksale, sondern ihr Schicksal ist eng mit dem
Schicksal der Angehörigen, die sie hinterließen, verknüpft. Die
Angehörigen der Opfer verbindet der schmerzhafte Verlust und die
Trauer. Die Trauer um Mitbürger, Nachbarn, Freunde und Geliebte.
Auch wir wollen heute trauern und uns an diesem besonderen Tag der
Opfer von Gewaltherrschaft und Kriegen in aller Welt erinnern.
Doch
was bedeutet Erinnerung? Welchen Stellenwert hat die Erinnerung am
Volkstrauertag an die Opfer der Weltkriege, an die Opfer von
menschenverachtenden Ideologien? Was heißt es, sich an die zu erinnern,
die Widerstand leisteten gegen Regime der Repression und dabei den Tod
fanden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen zu gedenken, deren
Rechte auch heute noch mit Füßen getreten werden?
Es wäre denkbar,
dass dieser Tag je mehr Bedeutung verliert, desto länger die grausamen
Geschehnisse der Vergangenheit zurückliegen. Doch genau das Gegenteil
ist der Fall; Der Volkstrauertag als ein Tag des Gedenkens ist umso
bedeutender je länger diese schrecklichen Geschehnisse zurückliegen,
denn wer seine Vergangenheit vergisst, der wiederholt sie. So sind Tage
der Trauer Tage der bewussten Erinnerung, an denen wir zurückblicken
wollen, um von unserer Vergangenheit zu lernen.
Zu unserer
deutschen Vergangenheit gehört Verdun, dazu gehört Stalingrad und dazu
gehört vor allem auch Auschwitz. Niemals dürfen wir diese Vergangenheit
vergessen, sie muss für immer Teil unserer Identität bleiben, damit
sich diese schrecklichen Ereignisse nie wieder wiederholen.
Viel
eher müssen wir uns der Frage stellen, was uns unsere Vergangenheit
gelehrt hat. Was ist unabdingbar, damit wir nicht noch mehr Trauer
widerfahren werden?
Erich Kästner schrieb einmal: "Glaubt nicht,
ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind heißt
–Krieg.“ Wie
können wir eine friedvolle Zukunft gestalten, wie ein Haus des
Friedens
bauen, das Schutz bietet vor diesem Feind? Aus meiner Sicht sind es
drei wesentliche Bausteine, die essentiell sind, um ein solches Haus
entstehen zu lassen.
Der
erste Baustein trägt die Inschrift der Gerechtigkeit und der Würde des
Menschen. Diese Begriffe bilden das Fundament des Hauses.
Gerechtigkeit
bedeutet für mich, dass jedem die gleichen Chancen zu Teil werden und
dass jeder gleich an Rechten ist. Wenn Menschen gerecht behandelt
werden, dann achten wir ihre Würde. Wenn ihre Würde geachtet wird, dann
erlangen Menschen Selbstachtung. Wer sich als Mensch selber achtet, der
verachtet keine Menschen. Wer Menschen nicht verachtet, der benutzt sie
nicht als ersetzbare Schachfiguren wie die Soldaten im 1. Weltkrieg.
Wenn Menschen nicht verachtet werden, dann entwickelt sich auch keine
rassistische Ideologie, wie die des NS-Regime, durch das 300.000
Behinderte und Sinti und Roma, wie auch 6 Millionen Juden zum Opfer
systematischer Vernichtung wurden.
Den zweiten Baustein bildet die Demokratie. Gerechtigkeit
und die Achtung der unantastbaren Würde des Menschen ist in totalitären
Diktaturen unmöglich, die Demokratie hingegen ermöglicht sie nicht nur,
sie nimmt sie als Grundlage. Die Herrschaft des Volkes bildet die
Wände, das Dach, die Fenster und die Türen des Hauses des Friedens.
Demokratien ermöglichen Freiheit, indem sie ihren Bürgern unumstößlich
geltende Grundrechte gewähren. Die Werte und Lebensformen des
Pluralismus und der Toleranz können nur in einer
freiheitlich-demokratischen Grundordnung existieren. Werden diese Werte
gelebt, dann wird es möglich, dass aus Rassismus Respekt, aus Abneigung
Freundschaft und aus Hass Liebe entsteht.
Doch die Demokratie
ermöglicht nicht nur ein höheres Maß an Freiheit als autoritäre Regime,
sondern sie gibt den Menschen ebenso die Möglichkeit, politisch zu
partizipieren und als Souverän über seine Geschichte bestimmen zu
können. So zeigt sich in den Freiheitsbewegungen des arabischen
Frühlings, dass gerade die jüngere Generation, Menschen meines Alters,
ein Leben in Freiheit und Würde führen will. Diese Proteste machen mir
Mut, dass die Zukunft des Nahen Ostens eine friedvollere sein wird als
zuvor, denn Demokratie und Frieden sind eng miteinander verknüpft,
hierbei können die Menschen niemals zum Spielball größenwahnsinniger
Diktatoren werden.
Die Begriffe der Gerechtigkeit und der Würde
bilden zusammen mit der Staatsform der Demokratie die beiden
Grundbausteine, aus denen ein Haus des Friedens für alle Menschen
gebaut werden kann. Sie alleine erbauen bereits das Gebäude, doch ein
Haus ist völlig sinnentleert, wenn der Schlüssel fehlt, um seine Tür zu
öffnen.
Dieser Schlüssel ist der letzte und wichtigste Baustein: Es ist die Menschlichkeit.
Der
Wert der Toleranz bleibt leer, er vergeht, wenn wir ihn nicht als
Menschen leben. Alle Rechtsstaatlichkeit bleibt nutzlos, wenn sie nur
auf dem Papier besteht. Freiheit verkommt zu Egoismus, wenn sich
Menschen nicht miteinander solidarisieren und gegenseitig helfen.
Demokratien sind nur so demokratisch, wie die Menschen, die in ihr
leben. Dies hat uns die Weimarer Republik gelehrt. Die Humanität ist
unser wichtigstes Gut, sie ist unsere größte Stärke, denn nur mit ihr
werden Menschen gerecht handeln und die Würde des anderen wahren. Was
passiert, wenn wir unsere Menschlichkeit verlieren, zeigt die folgende
Kurzgeschichte Wolfgang Borcherts:
"Es waren mal zwei Menschen.
Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen. Als
sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen mit Steinen.
Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nacheinander.
Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben. Als sie
zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien. Als sie zweiundachtzig
waren, da starben sie. Sie wurden nebeneinander begraben. Als sich nach
hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden Gräber fraß, merkte er
gar nicht, dass hier zwei verschiedene Menschen begraben waren. Es war
dieselbe Erde. Alles dieselbe Erde."
Ohne Menschlichkeit werden wir uns alle gegenseitig zerstören, ohne sie ist Frieden unmöglich.
Wenn
wir uns aber an einem humanen Menschenbild orientieren, wenn wir aus
und mit Menschlichkeit handeln, dann erlangen wir den Schüssel, der uns
Zutritt verschafft zu dem Haus des Friedens.
Meine Generation hat das große Glück, zu Friedenszeiten geboren zu sein und in Friedenszeiten zu leben.
Lassen
sie uns alle gemeinsam versuchen den Schlüssel zum Frieden und zur
Überwindung der Trauer, die Menschlichkeit, niemals wieder zu
verlieren. Dies ist möglich, wenn wir ihn nur in uns tragen. Nahe der
Vernunft, aber noch näher am Herzen. Frieden und Versöhnung sind
möglich, wenn wir alle gemeinsam menschlich bleiben.
Vielen Dank. |
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