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Schuljahr 2011/2012
 
Rede zum Volkstrauertag von Jonas Fixemer

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Gerstner, sehr geehrter Herr Pfarrer Arno Knebel, meine sehr geehrten Damen und Herren,
als ich acht Jahre alt war, fragte ich meinen Großvater nach seinem Vater. Er erzählte mir, dass sein Vater bereits früh gestorben sei. „Woran?“, fragte ich ihn: „War Großvater krank?“ - „Nein, Jonas. Dein Großvater starb an der Ostfront, es war Krieg.“

Krieg, das war ein Begriff unter dem ich mir nicht viel vorstellen konnte. Was bedeutet Krieg? Was geschieht im Krieg? Das waren die Fragen, die ich mir stellte. Es dauerte seine Zeit, bis ich Antworten auf diese Fragen fand. Krieg bedeutet Schmerz, Krieg bedeutet Leid, Krieg bedeutet Trauer; und jeder Krieg bringt Schicksale wie die meines Urgroßvaters hervor. Das Schicksal im Krieg zu sterben, war ein Schicksal, das er mit vielen Millionen Menschen seiner Zeit teilte und das er mit sehr vielen Menschen dieser Welt immer noch teilt, die unter Gewaltherrschaft leiden oder im Krieg sterben.
Der 1. Weltkrieg forderte nahezu zehn Millionen Menschenleben, der 2. Weltkrieg sogar mehr als 55 Millionen. Diese Zahlen sind unvorstellbar und das Leid dieser Menschen kann nicht in Worte gefasst werden. Doch diese Menschen stehen nicht alleine, sie sind keine Einzelschicksale, sondern ihr Schicksal ist eng mit dem Schicksal der Angehörigen, die sie hinterließen, verknüpft. Die Angehörigen der Opfer verbindet der schmerzhafte Verlust und die Trauer. Die Trauer um Mitbürger, Nachbarn,  Freunde und  Geliebte.  Auch wir wollen heute trauern und uns an diesem besonderen Tag der Opfer von Gewaltherrschaft und Kriegen in aller Welt erinnern.
Doch was bedeutet Erinnerung? Welchen Stellenwert hat die Erinnerung am Volkstrauertag an die Opfer der Weltkriege, an die Opfer von menschenverachtenden Ideologien? Was heißt es, sich an die zu erinnern, die Widerstand leisteten gegen Regime der Repression und dabei den Tod fanden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen zu gedenken, deren Rechte auch heute noch mit Füßen getreten werden?

Es wäre denkbar, dass dieser Tag je mehr Bedeutung verliert, desto länger die grausamen Geschehnisse der Vergangenheit zurückliegen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall; Der Volkstrauertag als ein Tag des Gedenkens ist umso bedeutender je länger diese schrecklichen Geschehnisse zurückliegen, denn wer seine Vergangenheit vergisst, der wiederholt sie. So sind Tage der Trauer Tage der bewussten Erinnerung, an denen wir zurückblicken wollen, um von unserer Vergangenheit zu lernen.  
Zu unserer deutschen Vergangenheit gehört Verdun, dazu gehört Stalingrad und dazu gehört vor allem auch Auschwitz. Niemals dürfen wir diese Vergangenheit vergessen, sie muss für immer Teil unserer Identität bleiben, damit sich diese schrecklichen Ereignisse nie wieder wiederholen.
Viel eher müssen wir uns der Frage stellen, was uns unsere Vergangenheit gelehrt hat. Was ist unabdingbar, damit wir nicht noch mehr Trauer widerfahren werden?  
Erich Kästner schrieb einmal: "Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind heißt –Krieg.“ Wie können wir eine friedvolle Zukunft gestalten, wie ein Haus des Friedens bauen, das Schutz bietet vor diesem Feind? Aus meiner Sicht sind es drei wesentliche Bausteine, die essentiell sind, um ein solches Haus entstehen zu lassen.

Der erste Baustein trägt die Inschrift der Gerechtigkeit und der Würde des Menschen. Diese Begriffe bilden das Fundament des Hauses.
Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass jedem die gleichen Chancen zu Teil werden und dass jeder gleich an Rechten ist. Wenn Menschen gerecht behandelt werden, dann achten wir ihre Würde. Wenn ihre Würde geachtet wird, dann erlangen Menschen Selbstachtung. Wer sich als Mensch selber achtet, der verachtet keine Menschen. Wer Menschen nicht verachtet, der benutzt sie nicht als ersetzbare Schachfiguren wie die Soldaten im 1. Weltkrieg. Wenn Menschen nicht verachtet werden, dann entwickelt sich auch keine rassistische Ideologie, wie die des NS-Regime, durch das 300.000 Behinderte und Sinti und Roma, wie auch 6 Millionen Juden zum Opfer systematischer Vernichtung wurden.

Den zweiten Baustein bildet die Demokratie. Gerechtigkeit und die Achtung der unantastbaren Würde des Menschen ist in totalitären Diktaturen unmöglich, die Demokratie hingegen ermöglicht sie nicht nur, sie nimmt sie als Grundlage. Die Herrschaft des Volkes bildet die Wände, das Dach, die Fenster und die Türen des Hauses des Friedens. Demokratien ermöglichen Freiheit, indem sie ihren Bürgern unumstößlich geltende Grundrechte gewähren. Die Werte und Lebensformen des Pluralismus und der Toleranz können nur in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung existieren. Werden diese Werte gelebt, dann wird es möglich, dass aus Rassismus Respekt, aus Abneigung Freundschaft und aus Hass Liebe entsteht.
Doch die Demokratie ermöglicht nicht nur ein höheres Maß an Freiheit als autoritäre Regime, sondern sie gibt den Menschen ebenso die Möglichkeit, politisch zu partizipieren und als Souverän über seine Geschichte bestimmen zu können. So zeigt sich in den Freiheitsbewegungen des arabischen Frühlings, dass gerade die jüngere Generation, Menschen meines Alters, ein Leben in Freiheit und Würde führen will. Diese Proteste machen mir Mut, dass die Zukunft des Nahen Ostens eine friedvollere sein wird als zuvor, denn Demokratie und Frieden sind eng miteinander verknüpft, hierbei können die Menschen niemals zum Spielball größenwahnsinniger Diktatoren werden.
Die Begriffe der Gerechtigkeit und der Würde bilden zusammen mit der Staatsform der Demokratie  die beiden Grundbausteine, aus denen ein Haus des Friedens für alle Menschen gebaut werden kann. Sie alleine erbauen bereits das Gebäude, doch ein Haus ist völlig sinnentleert, wenn der Schlüssel fehlt, um seine Tür zu öffnen.

Dieser Schlüssel ist der letzte und wichtigste Baustein: Es ist die Menschlichkeit.
Der Wert der Toleranz bleibt leer, er  vergeht, wenn wir ihn nicht als Menschen leben. Alle Rechtsstaatlichkeit bleibt nutzlos, wenn sie nur auf dem Papier besteht. Freiheit verkommt zu Egoismus, wenn sich Menschen nicht miteinander solidarisieren und gegenseitig helfen. Demokratien sind nur so demokratisch, wie die Menschen, die in ihr leben. Dies hat uns die Weimarer Republik gelehrt. Die Humanität ist unser wichtigstes Gut, sie ist unsere größte Stärke, denn nur mit ihr werden Menschen gerecht handeln und die Würde des anderen wahren. Was passiert, wenn wir unsere Menschlichkeit  verlieren, zeigt die folgende Kurzgeschichte Wolfgang Borcherts:
"Es waren mal zwei Menschen. Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen. Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen mit Steinen. Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nacheinander. Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben. Als sie zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien.  Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie. Sie wurden nebeneinander begraben. Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden Gräber fraß, merkte er gar nicht, dass hier zwei verschiedene Menschen begraben waren. Es war dieselbe Erde. Alles dieselbe Erde."
Ohne Menschlichkeit werden wir uns alle gegenseitig zerstören, ohne sie ist Frieden unmöglich.
Wenn wir uns aber an einem humanen Menschenbild orientieren, wenn wir aus und mit Menschlichkeit handeln, dann erlangen wir den Schüssel, der uns Zutritt verschafft zu dem Haus des Friedens.

Meine Generation hat das große Glück, zu Friedenszeiten geboren zu sein und in Friedenszeiten zu leben.
Lassen sie uns alle gemeinsam versuchen den Schlüssel zum Frieden und zur Überwindung der Trauer, die Menschlichkeit, niemals wieder zu verlieren. Dies ist möglich, wenn wir ihn nur in uns tragen. Nahe der Vernunft, aber noch näher am Herzen. Frieden und Versöhnung sind möglich, wenn wir alle gemeinsam menschlich bleiben.
Vielen Dank.
 

 

 

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